Wie trinkt man Whisky

Dieses Berliner Sprichwort existiert seit etwa eineinhalb Jahrhunderten. Online wie analog kursieren unzählige Doktrinen über ein Thema, bei dem einige meinen, Recht zu haben. In Wahrheit weißt du es am besten. 

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Wir wären allerdings schön blöd, wenn wir unsere Weisheiten gleich zum Beginn eines Eintrags verraten würden; holen wir also etwas weiter aus. Wie einige vielleicht wissen, trinken wir ausgesprochen gerne in der Sauna, wo der Whisky ausgezeichnet schmeckt. Obwohl es dort sehr warm ist. Wärmer noch, als in all den Fernsehserien, in denen in diversen Chefbüros der Whisky auf Zimmertemperatur getrunken wird und sowieso wärmer als in sämtlichen holzvertäfelten Herrenzimmern mit Ledersesseln im Zigarrenrauch, in denen er gegen die Eiswürfel eines mit Schliff verzierten Kristalltumblers schellt. 

Denn es ist die eine Sache, wie ein Whisky hergestellt wird, wie er schmeckt oder wie man ihn schreibt. Doch es ist eine andere, wie man ihn trinkt: Wohingegen der Geschmack eine reine, nun ja, Geschmackssache ist, handelt es sich bei Fragen zur Produktion um wenig subjektives Faktenwissen. Bei dem Blick auf das Wie des Trinkens, hingegen, haben wir es mit einer Mischung aus beidem zu tun.

Vom Schmecken und Sparen

Beginnen wir mit dem Glas. Wenn die Film- und Fernsehindustrie auch meint, der Tumbler sei die geeignete Form, sei ihr das gestattet. Schließlich findet selbst die Welt der Emojis, dass der bernsteinfarbene Inhalt in ein Tumbler gehöre. Wir sind nicht die ersten, die herausgefunden haben, dass Whisky aus einem Glencairn-Glas nach deutlich mehr riechen, das waren die Schotten - denen man ein überdurchschnittlichen Maß an Sparsamkeit nachsagt. Umso praktischer also, dass ein letzter Schluck im Glencairn-Glas bleibt, wenn es umfällt. Erprobt und für wahr befunden. Darum, weil wir so gerne an den Dingen riechen und weil wir finden, dass Whisky mindestens so komplex ist wie Wein, finden wir, dass er auch eine eigenes Glasform verdient hat.

Aber auch die Frage nach der passenden Temperatur spaltet. Es ist leider so, man kann nicht den ganzen Tag in der Sauna sitzen und Whisky trinken, also braucht es auch für die anderen Gelegenheiten eine Lösung. Fragt man den Geschäftsführer von unseren Nachbarn in der Sophienstraße bei Whisky & Passion, Eugen Kasparek, so würde dieser immer zur Zimmertemperatur raten. Laut ihm kann sich so die größtmögliche Aromatik im Mund entwickeln und auch funktionieren unsere Geschmacksrezeptoren hier am besten. “Eis wirkt betäubend”, erklärt er und um ehrlich zu sein, hat man sich das beinah denken können, versucht man mit Eis für gewöhnlich doch, Schmerzen zu lindern. Für den Arbeitsalltag am Schreibtisch ist die Zimmertemperatur also eine sehr praktikable Angelegenheit. Wer seinen Whisky, gerade den Bourbon oder auch eine kanadische oder irische Variante - kurzum, die lieblicheren Formate -  “on the rocks” aus dem Tumbler schlürft, den verpetzen wir nicht. 

Die Regel von der Ruhe

Tulpenform und Zimmertemperatur, so viel steht also fest. Jetzt muss der Whisky bloß noch vom Glas in den Mund, eigentlich die schönste Stelle beim Whiskytrinken. Ohne es in der Affektiertheit sehr stark zu übertreiben, bietet es sich an, den Whisky ein wenig in Bewegung zu versetzen vorher. Das schließt nicht nur seine Aromen für die Nase auf, sondern verrät auch etwas über seine Textur. Läuft der Whisky langsam, dick und ölig am Glas entlang, handelt es sich tendenziell um einen opulenten Whisky, möglicherweise war er lange Zeit im Fass oder hat eine Reifung im Sherryfass hinter sich. Zieht er sich zu einer schmalen, fein gezackten Linie zusammen, ist die Konsistenz des Whiskys voraussichtlich dünner, oft passiert dies auch bei Fassstärken oder jungen Whiskies, die in der Regel heller sind.

Nun braucht aber nicht geschwenkt werden, dass sich ein Strudel bildet - wie beim Wein, kann auch der Whisky für einen Moment atmen und mag es, für einen Moment in Ruhe gelassen zu werden - nachvollziehbar, denn wer tut das nicht? 

Zunächst geht das Glas an die Nase, doch Obacht: wie sich das auch mit Händen und Füßen, Augen und Ohren verhält, gilt auch für die Nasenlöcher - beide funktionieren verschieden.

Süße, Salz und Sauna

Weil wir also mit jedem Nasenloch unterschiedliches riechen, ist es ratsam, das Glas von einem zum anderen zu führen, so lange, bis jeder Aromastoff einen jeden Rezeptoren erreicht und dieser die Informationen verarbeitet hat. Wer einmal probiert hat, sich beim Essen die Nase zu zuhalten, merkt, wie zentral sie fürs Schmecken ist. Dabei den Mund am besten ein wenig öffnen, da durch die Frischluftzufuhr besser hinter die vorherrschenden Alkohol gerochen werden kann. Daran muss man sich gewöhnen, aber wir können froh verkünden: das kann man üben.

Und das ist der nun wirklich schönste Teil: nach einem ausgiebigen ersten Schluss, der sich über die komplette Oberfläche von Zunge, Schleimhäute und Gaumen legt, kann sortiert werden. Süße, Salz oder Rauch? Welche Süße ist es genau? Erinnert er an Meerwasser, und schmeckt der Rauch eher phenolisch oder nach Lagerfeuer? Natürlich gibt es sie, die Verfechter der einzig wahren und zu erschließenden Tasting Notes. Wer jedoch schon einmal einen langen Abend mit Wein, Musik oder eben einer Flasche Whisky verbracht hat, der weiß: Whisky kann nach dem letzten Mal Saunieren mit den Freunden schmecken, er kann nach frisch gebackenen Pfannkuchen mit Ahornsirup schmecken oder nach einem Wettrennen durch’s Roggenfeld. Und das ist die wahrste aller Wahrheiten.